20er
Soziales

Hufschmied und Co. - Altes Handwerk neu entdeckt

Foto: Fridolin Schuster


Der Wunsch nach Individualität und Qualität bewahrt alte Handwerksberufe vor dem Aussterben. Der Hufschmied beschlägt nicht mehr Arbeits-, sondern Freizeittiere. Die Gerberei erfüllt mit Leder und Fellwaren exklusive Kundenwünsche. Und statt lebensnotwendiger Kochstellen designt der Ofensetzer heute moderne Wärmespender. MARTHA FUCHS, EVA JANOVSKY






Horst Urbanowicz ist seines Glückes (Huf-)Schmied. Die Liebe zu Pferden und die gute Auftragslage bestätigen ihn in seinem Handwerk. Dass Martin Trenkwalder die Felle nicht davonschwimmen, davon zeugt das neu errichtete Firmengebäude. Die moderne Technik im Ofensetzen holt reihenweise Kunden hinter dem Ofen hervor und lässt Christian Schneiders Betrieb auf solidem Boden stehen.


Der Hufschmied
Die großen und kräftigen Hände des Zillertalers Horst Urbanowicz zeigen, dass er ein körperlich schweres Handwerk betreibt. Ein Handwerk mit Tradition: Die Kelten waren die ersten Menschen, die ihre Pferde mit Hufeisen beschlugen, um der Abnützung der Hufe vorzubeugen. Auch im alten Orient behalf man sich mit ledernen Sandalen für die Arbeitstiere. Der frühere Lehrberuf des Huf- und Wagenschmieds wurde in den 1960er-Jahren aufgelöst, als die Pferde auf dem Feld von den Traktoren ersetzt wurden. Heute benötigt man zwei Jahre Berufspraxis bei einem Hufschmied, drei Monate Lehrzeit in einer Lehrschmiede und eine staatliche Prüfung, um sich als staatlich anerkannter Hufschmied selbständig zu machen. Die Arbeit besteht jedoch nicht nur darin, das Pferd mit Eisen zu beschlagen. „Kein Fuß ist wie der andere“, erklärt Horst Urbanowicz die „orthopädischen Aufgaben eines Hufeisens“. So werden Fehlstellungen korrigiert oder Verletzungen ausgeglichen. Früher arbeiteten die Pferde auf weichem Boden am Feld, während sie heute fast ausschließlich für die Freizeit und den Sport genutzt werden. Damit verändert sich der Beschlag. Der Vorgang an sich geht schnell: „Eine Stunde brauche ich für alle vier Haxen.“ Zuerst werden die Hufe gekürzt und geschnitten, erklärt der Schmied: „So wie wir unsere Fingernägel schneiden.“ Dann wird das bereits vorgefertigte Eisen erwärmt und auf den Huf gedrückt. Alle sechs bis acht Wochen muss ein neuer Beschlag gemacht werden, die Eisen werden meist zweimal verwendet. Eigentlich braucht es drei Personen, um einen Beschlag durchzuführen: Einer hält das Pferd am Kopf, der Zweite das Bein und der Dritte führt den Beschlag durch. In der Praxis wird das Pferd jedoch am Halfter angebunden und der Hufschmied arbeitet allein. Das ist nicht ungefährlich, erzählt Urbanowicz von der schmerzhaften Seiten seines Traumberufs: „Ich bin auch schon durch den halben Stall geflogen. Wissen tut man es schließlich nie, was in den Tieren vorgeht.“ Seine mobile Werkstatt hat er in einem weißen VW-Bus eingerichtet. Denn der Hufschmied kommt heute zu seinen Kunden, nicht umgekehrt. Und damit ihm das berufliche Glück hold bleibt, gilt es eines zu beachten: „Man muss bei den Hufeisen vorsichtig sein, denn wenn man sie verkehrtrum aufhängt, fällt das Glück heraus.“


Der Gerber
Gigantische Holzfässer, die sich, auf Eisengestellen hängend, langsam vorwärts drehen. In meterhohen blauen Plastiktonnen schwimmen Felle in einer weißlichen Brühe und dazwischen steht eine metallene Riesenschleuder. Mit Salz bestreute Stapel von Reh-, Hirsch- und Schaffellen warten darauf, bearbeitet zu werden. Der kalt-feuchte Geruch von geschlachtetem Tier, dazu das leise Rotationsgeräusch der Fässer, verursachen Gänsehaut. Das Schweigen der Lämmer ist spürbar. Der Arbeitsplatz von Martin Trenkwalder, dem Bundesobmann der Gerber in Österreich, mutet unwirtlich an. Für den Unterländer, der in fünfter Generation die Gerberei seiner Familie weiterführt, ist es der beste Beruf, den er sich vorstellen kann. Im Jänner dieses Jahres nahm er mit sieben Angestellten die neuen Produktionsräume des Firmengebäudes in Scheffau in Betrieb. Über drei Etagen läuft hier die Umwandlung von Häuten in widerstandsfähiges Leder oder in haltbare Felle. Das große Gebäude mit dem modernen Glasvorbau bestätigt die Erfolgsgeschichte des Handwerksbetriebs. „Ich kann mich noch erinnern, wie mein Großvater in Lehmgruben arbeitete. Rund ein Jahr lang wurden Tierhäute damals in Brühen aus Eichen- oder Fichtenrinde gelegt, bis sie zur weiteren Verarbeitung kamen“, erzählt Trenkwalder. Heute bewirken Bewegung der Gerbfässer, Temperatur und moderne Gerbstoffe ein viel rascheres Umwandeln des verwesenden Eiweißes der Haut zu robustem Leder. Dazu wird meist Chromsalz verwendet. Eine nicht unproblematische Chemikalie, die vor allem in Billigproduktionsländern eingesetzt wird. Trenkwalder produziert mit Gerbstoffen aus der Käferbohne (Tara), mit Maiskörnerschalen (Medizinalgerbung, die die Wolle gelb werden lässt), Aluminium (Weißgerbung) oder mit Fetten, die das weiche Sämischleder erzeugen. Fellpatschen, Trophäen für Jäger, traditionelle Lederhosen, Pergamenthaut für Urkunden, orthopädische Produkte, Leuchten, Elefantenhaut für Porschesitze oder schwarzgefärbte Seehundfelle für exklusive Taschen werden in seiner Werkstatt produziert. Lauter Nischenprodukte, die exklusive oder auch alltägliche Wünsche erfüllen. „Eine Gerberei gab es früher in jedem Ort. Heute existieren noch 32 Betriebe in Österreich, acht davon in Tirol“, erzählt der Firmenchef. 1997 wurde die HTL für Gerberei, Chemie und Labortechnik in Wien geschlossen, da es keine Interessenten für die Schule mehr gab. Heuer haben bereits zwei Burschen bei Trenkwalder angefragt, ob sie bei ihm in die Lehre kommen dürfen.


Der Hafner
Die Keramikkacheln passen sich dem Rücken an und vermitteln ein wohlig warmes Gefühl auf der hölzernen Ofenbank. Der Blick fällt auf einen modernen Ofen, dessen großes Sichtfenster das Bild auf das prasselnde Feuer freigibt. Im Besprechungszimmer der Firma Schneider in Weer wird sofort sichtbar, wie unterschiedlich ein Ofen gestaltet werden kann. Seit 27 Jahren wird der früher Hafner, heute Ofensetzer genannte Beruf im Familienbetrieb ausgeführt. Über Generationen waren zahlreiche Entwicklungen zu beobachten, besonders das „Wandern“ des Ofens von der Küche ins Wohnzimmer. Die Errichtung von Pizzaöfen und Backöfen von Bäckereien gehört allerdings immer noch zum Angebot des Ofensetzers. „Der Ofen bringt Wärme ins Haus“, schwärmt Christian Schneider. Der Brennstoff Holz ist dabei ein entscheidendes Argument. „Sollte etwas passieren, Holz haben wir genug“, erklärt der Ofensetzermeister. Der Trend zu fix eingebauten Kachelöfen ist in den letzten Jahren wieder klar erkennbar. Besonders die neue Technik erspart lästiges Nachheizen und die Arbeit mit Holzspänen und Ruß.


Mit Holzpellets und Briketts lassen sich ganze Häuser bequem über einen zentralen Kachelofen beheizen sowie die Wasserwärme regulieren. Drei bis sieben Tage benötigen zwei Arbeiter, um einen solchen zu bauen. „Jeder Ofen ist ein Unikat und wird individuell auf die Raumsituation abgestimmt“, beschreibt Christian Schneider den kreativen Faktor seines Berufs. Wichtig ist, dass die Emissionen genau und umweltgerecht berechnet und der Ofen entsprechend gebaut wird, wobei dies vom Kaminkehrer überprüft und mit einem „Pickerl“ bestätigt wird. Feng-Shui-Glasuren an der Wand zeigen einen Ausschnitt der verschiedenen farblichen Gestaltungsmöglichkeiten. „Es ist ein schöner und sehr kreativer Beruf, wobei besonders die Materialien und das Ergebnis reizvoll sind“, schwärmt der Ofensetzermeister. Auch Ausbesserungen und Renovierungen fallen in den Aufgabenbereich des Hafners: „Die Beschäftigung mit diesen wunderschönen alten Prunkstücken ist ein besonderer Reiz meiner Arbeit.“


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