20er
Kultur

Kulturmisere in Tirol - Drei Plädoyers für Gegenwartskunst

Foto: Dave Bullock


Seit Herbst geht es in der Tiroler Kulturszene heiß her. Drohende Budgetkürzungen und die jüngsten Entwicklungen rund um Kunstraum Innsbruck, Bierstindl und zahlreiche Institutionen versetzen die Protagonist/innen der einzelnen Szenen in Alarmbereitschaft. Der 20er hat sich unter betroffenen Akteur/innen umgehört und drei Personen aus dem Umfeld der Gegenwartskunst zu den aktuellen Debatten befragt. VERENA KONRAD






Ausgaben für Kultur sind keine Subventionen, sondern sie sind Investitionen in die Zukunft. Wie bei Bildung geht es weder um Genuss noch um Dekoration, es geht um die Mündigkeit des Subjekts“, proklamierte die ehemalige deutsche Kulturstaatsministerin Christina Weiss im November des Vorjahres bei der Stuttgarter Art Parade. Auf Bekenntnisse dieser Art warten die Kulturschaffenden Tirols schon lange. Schon seit Jahren machen Interessensvertretungen und Kulturinitiativen wie die 2004 gegründete bættlegroup for art auf Missstände aufmerksam. Ein veraltetes Kulturförderungsgesetz aus dem Jahr 1979 und eine Kulturpolitik, deren Ziele nach wie vor nicht klar benannt sind, machen die Situation nicht einfach.


Im Rahmen der Innsbrucker ARTPARADE machten am 10. Dezember 2009 Kulturschaffende auf ihre missliche Lage aufmerksam. Stein des Anstoßes ist für viele Betroffene nicht nur die Kürzung des Kulturbudgets, sondern vor allem die fehlende Unterstützung für alles, was mit zeitgenössischen Ausdrucksformen zu tun hat. Für den Leiter des Kunstraum
Innsbruck, Stefan Bidner, ist klar: „Es geht nicht um ein Ausspielen einer an Traditionen orientierten oder zeitgenössischen Kultur, im Gegenteil. Problematisch wird es nur dann, wenn das eine über das andere dominiert und Kultur zum reinen Tourismusfaktor wird. Der Kunstraum versteht sich als Ort der Vermittlung zwischen Künstler/innen und dem Publikum. Wir kämpfen nicht gegen etwas, sondern streiten für etwas.“ Die restriktive Haltung dem Verein Kunstraum Innsbruck gegenüber kann Bidner nicht verstehen. „Eigenrisiko gibt es immer. Im Fall des Kunstraum Innsbruck hat sich die Lage jedoch aktuell zugespitzt. Da kann man sich schon fragen, ob das gehen kann, dass ein Kunstraum mit internationaler Vernetzung und Reputation bedroht sein kann, nur weil er sich positioniert, Kritik übt und Dinge auch einmal beim Namen nennt. Bei der ganzen Diskussion rund um den Kunstraum wird immer wieder vergessen, dass wir diesen erfolgreich und auch schuldenfrei führen.“


„In Tirol setzt man in Krisenzeiten als Erstes bei der Kunst- und Kulturförderung den Rotstift an“, bedauert Ingeborg Erhart. „Dass sich der Kunstraum Innsbruck, als einziger international positionierter Kunstverein in Innsbruck mit überregionalem Renommee, in einer derart existenzbedrohenden Situation befindet, schadet dem Standort sehr.“ Die Geschäftsführerin der Tiroler Künstlerschaft vermisst eine breite Diskussion um den Kunst- und Kulturbegriff. „Es gilt den Wert zeitgenössischer Kunst- und Kulturformen, die kritische Fragen stellen, Dinge querdenken und Sehgewohnheiten manchmal auch über den Haufen werfen, als wichtig für zukünftige Entwicklungen herauszustreichen.“ Andrei Siclodi, Leiter des internationalen Künstlerhauses Büchsenhausen, bestätigt das: „Eine breite öffentliche Diskussion unter Beteiligung aller involvierten Akteure wird seit langem von den Kulturschaffenden aus dem Bereich der Zeitkultur gefordert. Sie wäre dringend nötig, um den Stellenwert experimenteller und kritischer Praktiken für die Weiterentwicklung einer Gesellschaft ins öffentliche Bewusstsein zu rufen.“


Aktuell gibt es im Kulturalltag Innsbrucks und Tirols viele kooperative Ansätze und Formen von Solidarisierung. „Es braucht den Zusammenschluss, denn nur gemeinsam ist man stark“, so Siclodi. „Und der Zusammenschluss findet ja auch statt – siehe die in den letzten Jahren entstandenen Netzwerke Innsbruck Contemporary (IC) und die bættlegroup for art.“ Ingeborg Erhart sieht in diesen Kooperationen einen wichtigen Beitrag für die Kulturentwicklung in Tirol: „Ich bin überzeugte Netzwerkerin. Für die Tiroler Künstlerschaft, der Interessensvertretung der bildenden KünstlerInnen in und aus Tirol, bin ich sowohl bei Innsbruck Contemporary als auch in der baettlegroup for art tätig. Beide Initiativen sind von ihrer Intention her so ausgelegt, dass sie gemeinsam mit den politisch Verantwortlichen und der Kulturverwaltung an zukünftigen Fragestellungen arbeiten möchten. Die nun angesagten Kürzungen des Kulturbudgets machten es aber notwendig, öffentlich auf die prekäre Situation in der Kulturarbeit hinzuweisen. Die ARTPARADE war ein erster Schritt dazu.“ Auch der Kunstraum Innsbruck war in die Organisation der ARTPARADE involviert. „Der Kunstraum Innsbruck ist in dieser Entwicklung auch so etwas wie ein treibender Motor“, erklärt Stefan Bidner. „Wir waren an der Gründung von IC beteiligt, mittlerweile hat es eine gemeinsame Veranstaltung gegeben, die auch dokumentiert ist. Am Ende aber stehen wir immer alleine da. Die Kulturpolitik scheint zeitgenössische Kultur und Kunst grundsätzlich nicht ernst zu nehmen. Ich hoffe sehr, dass unsere Bemühungen irgendwann einmal greifen. Wir bleiben jedenfalls dialogorientiert.“


Dass Kulturarbeit in den meisten Fällen mit finanziellem und persönlichem Eigenrisiko verbunden ist, ist kein Geheimnis. Diesem Eigenrisiko werden in Tirol künftig noch mehr Einzelpersonen, aber auch Institutionen unterworfen sein. „Ich denke in Bezug auf Eigenrisiko mehr an die freien Veranstalter/innen und Projektbetreiber/innen“, beschreibt Ingeborg Erhart die Situation. „Auch wenn für eine Institution die Planungssicherheit oft nicht oder erst sehr spät gegeben ist und die finanzielle Ausstattung Entwicklung kaum zulässt, tun wir uns sicher leichter, auch mit der Abwicklung des von Seiten des Landes erheblich gestiegenen Verwaltungsaufwands und verschärfter Förderbedingungen.“ Andrei Siclodi sieht vor allem in der bürokratischen Ausrichtung der Förderpolitik Probleme. „Die aktuelle Förderpolitik des Landes tendiert bedauerlicherweise dazu, Entscheidungsprozeduren so zu verbürokratisieren, dass inhaltliche Fragen bestenfalls nur noch als sekundär behandelt werden. Diese Praxis ist Ergebnis der Nicht-Artikulation kulturpolitischer Vorstellungen für den Bereich der Zeitkultur und fatal für die Gegenwart und Zukunft des Kunst- und Kulturstandortes Tirol.“


Doch Gegenwartskultur und Tradition sind nicht überall Gegensätze. „Was vor Ort fehlt, ist der politische Wille“, meint Stefan Bidner. „In anderen österreichischen Bundesländern gibt es seit Jahren Visionen im Bereich der Gegenwartskultur. Zeitgenössische Kunst wird hier von vornherein immer ins linkspolitische Eck gestellt und ideologisch betrachtet. Dabei wird übersehen, dass es um eine Pattstellung geht. Kulturpolitik ohne Kulturgeschehen gibt es nicht. Und die Vereine und Institutionen brauchen die Unterstützung der Politik.“ Andrei Siclodi sieht die Zukunft düster. „Tirol war in den vergangenen Jahren dank der vor allem in Innsbruck und Schwaz befindlichen Institutionen ein spannender Ort der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst. Nun ist die regionale öffentliche Hand dabei, diesen Status leichtfertig zu verspielen, denn sie ist nicht mehr im Stande, die Realität dieser Institutionen zu erkennen: Der Großteil besteht aus halbinstitutionalisierten Initiativen, die mit wenig Mitteln und nur auf Grund von persönlichem Engagement kulturelle Arbeit von hoher Qualität erbringen. Die regionale öffentliche Hand müsste endlich die Bedeutung der zeitgenössischen Kultur anerkennen und diesen Bereich auch dementsprechend fördern. Dies ist in den meisten anderen Bundesländern bereits passiert.“


Im Jahr 2010 soll es ein neues Tiroler Kulturförderungsgesetz geben. Wird es die hohen Erwartungen erfüllen können?  Noch sind alle Türen offen. Ingeborg Erhart hofft auf die Definition eines erweiterten Kunst- und Kulturbegriffs sowie auf „qualitative Bewertungskriterien und ein Bekenntnis zur Zeitkultur. In der Praxis werden die Richtlinien wesentlich wichtiger sein als das Gesetz. Sie schaffen die Voraussetzungen für eine zeitgemäße kulturelle Entwicklung.“ Auch Andrei Siclodi betont die Wichtigkeit eines neuen Gesetzes. „Der Professionalisierung des kulturellen Arbeitens in Tirol sollte unbedingt Rechnung getragen werden.“ Für Stefan Bidner steht und fällt das neue Gesetz mit der Ernsthaftigkeit, mit der Kulturschaffenden begegnet wird. „Wichtig wäre ein vermehrtes Einbinden von Expertenwissen durch gut besetzte Beiräte. Ich hoffe, dass das neue Gesetz nicht Stagnation bringt, sondern auf die Erfahrungen von Kulturschaffenden zurückgreift.“


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