Militärdiktatur - Verzweifelte Lage der Menschen in Burma
Foto: Helfen ohne Grenzen/ Karenni information center
Seit 44 Jahren regiert in Burma eine Militär-Junta, die sich gewaltsam an die Macht in Süd-Ost-Asiens ehemaliger Reiskammer geputscht hat. Heute gehört das Land zu den ärmsten der Erde. Rund 50 Prozent von Burmas Budget werden, schätzt die demokratisch gewählte Exil-Regierung, für militärische Belange ausgegeben. Der Bevölkerung fehlt es unterdessen am Notwendigsten.
GABRIELE SCHAUMBERGER, SONJA PESCHEK
Die Liste der Menschenrechtsverletzungen ist endlos. Das Militär brandschatzt, mordet, vergewaltigt – Minderjährige werden vor den Augen der Eltern missbraucht oder gar erschossen, Dörfer niedergebrannt, Felder vermint. Selbst vor dem Einsatz chemischer Waffen gegen Zivilisten schreckt man nicht zurück. Der Tod ist immer dabei. In manchen Gebieten lebt man bereits seit 20 Jahren in ständiger Angst und immer auf der Flucht vor dem Militär im Dschungel. Entlang der langen Grenze zu Thailand leben beispielsweise mehr als 500.000 Vertriebene. Sie haben kaum Zugang zu Trinkwasser. Schulen und Gesundheitsversorgung gibt es nicht. Unterernährung ist die Ursache vieler Krankheiten, die – obwohl medizinisch leicht behandelbar – oft tödlich enden.
Zahllose Menschen haben auch in Thailand Zuflucht gefunden: Es ist Gastland für inzwischen rund 220.000 Flüchtlinge, die es über die Grenze geschafft haben. Viele leben bereits seit 20 Jahren in Camps im Grenzgebiet und warten darauf, dass der böse Spuk in ihrer Heimat endet. Das ist jedoch eine lange Zeit für ein Leben, das aus Warten besteht. Thailand anerkennt die burmesischen Verfolgten nicht als Flüchtlinge – sie leben weitgehend rechtlos. In den Camps haben die Exil-Burmesen mittlerweile selbst Strukturen aufgebaut: Sie konstruieren selbst die Häuser, in denen sie leben und erhalten mit geringfügigen Mitteln Gemeinschaftseinrichtungen wie Kliniken und Schulen.
Militärdiktatur seit 1962
Bis 1943 war Burma Teil des britischen Imperiums. Die heutigen Grenzen wurden im Panglong-Vertrag von 1947 festgelegt und umfassen Gebiete ehemaliger englischer Kolonien sowie bergige Grenzgebiete. Der „Architekt“ des neuen Staates war Aung San, der Vater der Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 1991, Aung San Suu Kyi. Aung Sans Vision einer Föderation von sieben Staaten und sieben Divisionen, die gemeinsam und gleichberechtigt an der Entwicklung des Landes beteiligt sein sollten, wurde jedoch nie umgesetzt: Aung San wurde noch vor der Unterzeichnung des Vertrages ermordet. 1962 übernahm nach einem Putsch das Militär unter der Führung von General Ne Win die Führung des Landes und setzt das Panglong-Agreement außer Kraft.
Nach 26 Jahren Militärdiktatur resultierte die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung im August 1988 in landesweiten Unruhen. Am 8. August 1988 nahmen Zehntausende landesweit an den von Studenten initiierten Demonstrationen teil und forderten ihr Recht auf Menschenrechte und Demokratie. Die Militärjunta ließ wahllos in die Menge schießen. Landesweit starben 10.000 Menschen bei der darauffolgenden Säuberung. In den Grenzregionen gründeten die geflüchteten Studenten die Organisation ABSDF (All Burma Students Democratic Front), die bis heute mit Waffen gegen die Machthaber kämpft.
Im gleichen Jahr gründete Aung San Suu Kyi ihre Partei, die NLD (National League for Democracy). Als die Militärs im Jahr 1990 schließlich dem Druck der Straße weichen und demokratische Wahlen zulassen, gewinnt die NLD mit überragender Mehrheit. Sie holt 392 der 485 Sitze im Parlament. Doch die Generäle machen eine Kehrtwende und entschließen sich, die Wahl nicht anzuerkennen. Es folgt eine Verhaftungswelle. Viele der gewählten Vertreter flüchten über die Grenze nach Thailand. Die geflohenen Funktionäre der NLD richten eine Exil-Regierung ein. Verstreut über den ganzen Globus arbeiten sie eng mit einem Netzwerk von NGOs zusammen, die sich auf den verschiedensten Ebenen für die Verbesserung der Lage Burmas einsetzen.
Burmas Friedensstar
Aung San Suu Kyi kehrte 1988 aus dem Exil in Burmas ehemalige Hauptstadt Rangun zurück, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Als das Regime ankündigte, demokratische Wahlen zuzulassen, gründete sie die NLD und begann durch das Land zu touren. Die charismatische Buddhistin, die bereits lange mit ihrer Familie in England gelebt hatte, eroberte die Herzen ihres Volkes im Sturm. Es war eine Zeit der Hoffnung, der Mobilisierung und der großen Pläne. Bereits ein Jahr später stand sie das erste Mal unter Hausarrest, dorthin verbannt von ihren Widersachern, den Generälen der Militärregierung. 1991 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen – der Hausarrest blieb aufrecht. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft wurde sie immer wieder kurzfristig frei gelassen. 2003 entging sie einem Mordanschlag. Heute ist sie isolierter denn je: Nur ein Arzt darf sie in ihrer erzwungenen Isolation aufsuchen. „Alles zu ihrer Sicherheit“, versichern die Militärs.
Unterschiedliche Ethnien
Unter dem diktatorischen Militärregime leiden nahezu alle Menschen, die in Burma leben. Nicht alle davon gehören zur Mehrheitsbevölkerung: 60% der Bevölkerung zählen zum Volk der Burmanen, die in den fruchtbaren Ebenen des Landes leben. Die anderen 40% gehören zu den burmesischen Minderheiten. Shan, Karen, Karenni, Kachin, Wa, Lahu, Chin, Mom, Hmong, Akha, Palaung, Naga, Pao, etc. – das sind nur einige der angeblich 138 Volksgruppen, die in Burma leben. Jede Minderheit spricht eine andere Sprache und verfügt über ihre eigene Kultur und Tradition. Diese uralten Stämme, die in den zerklüfteten Bergregionen seit 3000 Jahren friedlich mit- und nebeneinander, fast unberührt bis in die Jetztzeit überdauert haben, sind Ziel einer ethnischen „Säuberung“. In wechselnden Allianzen und an wechselnden Fronten kämpfen die unterdrückten Ethnien gemeinsam für ein freies Burma und das Ende der Diktatur. Das Regime bezeichnet sie als „Rebellen“ und rechtfertigt damit seine brutalen Interventionen in Minderheiten-Gebieten vor der Internationalen Staatengemeinschaft.
Internationale Hilfe
Die Repressalien der Diktatoren werden immer dramatischer. Etablierte Hilfsorganisationen ziehen sich aus dem Land zurück, weil es unmöglich ist dort zu arbeiten. So zog sich zu Jahresbeginn etwa das Internationale Rote Kreuz aus Burma zurück. Man hatte sich mit dem Regime nicht mehr auf Bedingungen für die Arbeit in Gefängnissen einigen können. Die Militärs wollten es nicht mehr erlauben, dass die Rot-Kreuz-Mitarbeiter unbegleitet Gefangene besuchen. Hilfe ist heute fast ausschließlich von Thailand aus möglich. Rucksacksanitäter gehen von dort aus los, um in Burma mit dem Nötigsten zu helfen. Auch in Österreich arbeiten engagierte Hilfsorganisationen für die Menschen in Burma. So beispielsweise der Verein „Helfen ohne Grenzen“, gegründet und aufrecht erhalten von Idealisten, die sich der Hilfestellung für die burmesischen Minderheiten verschrieben haben.